Inkontinenz bei Frauen – Reizblase und Beckenbodenschwäche Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Marie Hediger   
Montag, den 21. Mai 2012 um 08:34 Uhr

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Frauen sind die Hauptbetroffenen: schon in jüngerem Alter

 

 

Das Risiko die Symptome einer Harninkontinenz zu entwickeln, ist bei Frauen wesentlich größer als bei Männern.

 

 

So kommt Harninkontinenz bei der Frau meistens als Folge von Schwangerschaften und Entbindungen auch schon in einem Alter von unter 50 Jahren häufiger vor. Die Frau ist grundsätzlich aufgrund ihrer Gebärfähigkeit und ihrer hormonellen Situation eher anfällig für Harn- und auch für Stuhlinkontinenz als der Mann. Erst im höheren Alter ziehen Männer statistisch gleich.



Wissen hilft Scham zu überwinden


Scham zu empfinden, weil ungewollter Harnverlust plötzlich mitten im normalen Alltag über Sie hineinbricht, ist daher unbegründet. Es hilft, sich über die genauen körperlichen Zusammenhänge gut zu informieren und dadurch seine Scham zu überwinden.



Weibliche Anatomie: der Körper ist auf Kinder ausgerichtet


Die Anatomie der Frau ist im unteren Becken voll und ganz auf ihre Funktion ausgerichtet, Kinder zu gebären. Dieser Funktion des weiblichen Körpers werden anatomisch viele andere Funktionen untergeordet. So wird während einer Schwangerschaft und durch die Geburt der Beckenboden stark beansprucht und manchmal sogar verletzt und dadurch beschädigt. Zudem haben die hormonellen Schwankungen und Veränderungen im weiblichen Lebenszyklus häufig eine direkte Auswirkung auf den Beckenboden, die Blasenfunktion und ihre Nervensteuerung. Aus diesem Grund finden wir bei der Frau vornehmlich zwei Erscheinungsformen der Inkontinenz: die Beckenbodenschwäche und die Reizblase.



Dranginkontinenz_klReizblase: noch keine Inkontinenz


Mit dem Begriff "Reizblase" wird eine empfindliche, „nervöse" Harnblase bezeichnet. Eine Reizblase ist die Vorstufe zur Harninkontinenz. Ständiger Harndrang, auch wenn die Blase gar nicht gefüllt ist, unwillkürliche Harnabgänge und häufiges Wasserlassen in der Nacht sind typisch für die Reizblase. Sie entsteht vor allem durch zwei Besonderheiten des weiblichen Organismus: die hormonellen Veränderungen der Frau während und nach den Wechseljahren und die Neigung zu Blasenentzündungen durch Nässe und Kälte. Manchmal kommen auch psychische Belastungen und Stress als Mitursache für die Reizblase in Betracht.



Im Allgemeinen ist bei der Reizblase das hochsensible Zusammenspiel zwischen Nervensystem, Blasenmuskulatur und Harnröhrenverschluss gestört und die Ursache bei einer Reizblase häufig nicht allein im Organischen. Durch bewußte Lebensgestaltung mit Toilettentraining, vitalstoffreicher Ernährung und ausreichendem Trinken sowie durch gezieltes Beckenbodentraining ist dadurch auch häufig schon eine wirksame Verbesserung zu erzielen.



Wenn es durch die Reizblase zum vorzeitigen Harnverlust kommt, heißt die Diagnose in leichteren Fällen Stressinkontinenz. In schwereren Fällen kann es auch zur überaktiven Blase und danach zur Dranginkontinenz führen.


Überaktive (hyperaktive) Blase: typisch Alter

Eine ähnliche Symptomatik hat auch die sogenannte "überaktive Blase". Viele ältere Menschen klagen darüber. Sie leiden darunter, dass sie sehr schnell und häufig zur Toilette zu müssen, sobald sie etwas getrunken haben. Leider gewöhnen sich diese Menschen dann häufig an, weniger zu trinken, was die Sympotmatik noch verstärken kann.


Bei der überaktiven Blase entstehen unwillkürliche Nervenreize ohne erkennbaren Grund, eine Symptomatik, die sich im Alter typischerweise verstärkt. Gegen eine überaktive Blase helfen Medikamente, die der Arzt verschreibt. Selbst wenn der Beckenboden dabei intakt ist, kann auch Beckenbodentraining helfen. Zustätzlich kann man mit kontrolliertem Trinken in Verbindung mit einem Toilettentraining dem Körper einen neuen Rhythmus für die Harnentleerung antrainieren.


Wenn es durch die überaktive Blase zu ungewolltem Harnverlust kommt, liegt meistens eine Urge- oder Dranginkontinenz oder eine Mischinkontinenz vor.



Mischinkontinenz


Ein überaktiver Blasenmuskel in Verbindung mit ungenügender Verschlusskraft der Schließmuskeln wird als Mischinkontinenz bezeichnet. Eine Mischinkontinenz liegt also vor, wenn eine Belastungsinkontinenz zusammen mit einer Reizblase auftritt; auch diese Kombination kommt leider häufiger bei Frauen vor. Die Therapie richtet sich nach der genauen Diagnose und wird sich in den meisten Fällen nach der konservativen Behandlung mit Beckenbodentraining und medikamentöser Therapie richten.

 

Beckenboden_kleinBeckenbodenschwäche: typisch Frau


Der Beckenboden ist eine gitterförmige Muskelplatte, die das Becken nach unten hin abschließt. Auf ihr ruhen alle Organe des unteren Beckens, auch die Harnblase. Alle Organe aus dem Bauchraum werden allein durch die Muskelkraft des Beckenbodens gehalten und bei Stößen sanft abgefedert. Das weibliche Becken ist allerdings weiter gebaut als das männliche, damit eine Geburt möglich ist. Dadurch ist die Gewichtsbelastung für den weiblichen Beckenboden selbst ohne Schwangerschaft nochmal deutlich größer als beim Mann. Im Fall einer Schwangerschaft muss der Beckenboden zusätzlich das Gewicht des Babys noch mittragen.



Natürlicher Schwachpunkt: der weibliche Beckenboden


Trotz dieser großen Belastung der weiblichen Anatomie ist der weibliche Beckenboden physiologisch schwächer ausgeprägt als beim Mann. Auch erfährt die Muskelkonstruktion des Beckenbodens in ihrer Gesamtkonstruktion eine Schwächung aufgrund der drei Durchbrüche für Harnblase, Vagina und Darm. Diese zusätzliche Konstruktionsschwäche wird deutlich, wenn man den Beckenboden mit einem Trampolin vergleicht. Eine Trampolindecke ist nur dann voll funktionstüchtig, wenn gleichmäßig gespannt ist und keine Risse aufweist. Jede Verletzung und jeder Schaden kann die Gesamtkonstruktion des Trampolins und in unserem Fall des Beckenbodens gefährden. In der Konstruktion des Beckenbodens ist diese Schwäche durch den Aufbau aus drei übereinanderliegenden Schichten kompensiert. Es ist jedoch einfach sich vorzustellen, dass schon ein Dammschnitt bei einer Geburt schnell die gesamte Stabilität in Frage stellt.



Schäden durch Geburten und Schwangerschaften


Jede Verletzung der sensible Beckenbodenkonstruktion und kann zu einer dauerhaften Beckenbodenschwäche führen. Von solchen Verletzungen sind Frauen bei Geburten sehr häufig betroffen. Zudem wird der Beckenboden während einer Schwangerschaft sehr gedehnt und belastet. Dadurch kann das sensible Meldesystem für die Blasenfüllung und die Kontrollfunktion des Beckenbodens aus dem Gleichgewicht geraten. Sehr häufig leidet auch die Verschlusskraft des Schließmuskels ( Sphinkter), da der äußere Schließmuskel direkt aus den Fasern des Beckenbodens gebildet wird. Nach jeder Schwangerschaft wird der Frau eine Rückbildungsgymnasitk empfohlen, die den inneren Organen ihre Stabilität zurückgibt und den Beckenboden stärkt.  Es kann trotzdem in der Folge einer Schwangerschaft zu einer Belastungsinkontinenz kommen.



Belastungsinkontinenz_klBelastungsinkontinenz: typisch Frau


Wenn es häufiger zu einem tröpfchenweisen Abgang kleinerer Harnmengen kommt, steckt in der Regel eine Belastungsinkontinenz dahinter. Die Mediziner sprechen von einer Stress- oder Belastungsinkontinenz, da sich der Harnverlust infolge von körperlicher Belastung einstellt. Plötzlich ansteigender Druck auf die Blase (Intravesikaldruck) beim Heben, Bücken, Niesen, Husten oder Lachen, führt zu spontanem Harnabgang meist in kleineren Mengen. Die Belastungsinkontinenz ist eine der häufigsten Inkontinenzformen bei Frauen.


Die Ursachen für eine Belastungsinkontinenz liegen oft in einer Beckenbodenschwäche meist nach Geburten oder Operationen. Sehr oft erkennen wir bei der Belastungsinkontinenz, dass es nur ein vorübergehendes, mit leichtem körperlichem Training behandelbares Symptom ist. Dann ist ein Beckenbodentraining angezeigt. Wenn richtig geübt wird, können die Symptome in wenigen Wochen verschwunden sein. Manchmal ist allerdings auch eine Kombination aus medikamentöser Therapie in Verbindung mit einem Beckenbodentraining erfolgversprechend. Wichtig ist allerdings auch einen geringen Harnverlust ärztlich abzuklären und auszuschließen, dass sich andere ernsthaftere Symptome dahinter verstecken.



Vom Umgang mit Inkontinenz


Inkontinenz ist für viele Frauen ein Anlass ihre Lebenssituation so zu verändern, dass ihnen peinliche Situationen erspart bleiben. Sie machen nur noch kurze "Ausflüge" bei denen sie immer sicher sind, eine Toilette aufsuchen zu können, verzichten auf Theater- oder Kinobesuche und ziehen sich sozial zurück. Dies kann bis zu sozialen Isolation führen, die eine bedenkliche Form annimmt. Dieses Verhalten fällt oft gerade bei älteren allein lebenden Menschen auf, die zum Teil schon pflegebedürftig sind. Meistens zeigen sich Auffälligkeiten nur dadurch, dass die Person plötzlich ihren alltäglichen Gewohnheiten nicht mehr nachgeht. Taucht eine solche Situation im Umgang mit einer Person auf, kann es sehr sinnvoll sein, das Thema sensibel anzusprechen und zu einem Arztbesuch anzuregen.



Inkontinenz für Frauen: in Grenzen auch ganz normal


Inkontinenz ist nicht immer krankheitswertig, macht eine Studie des Bundes in Zusammenarbeit mit dem Robert-Koch-Institut deutlich (siehe Literatur). Unter genauer Betrachtung wird deutlich, dass ungewollte, geringfügige Harnverluste bei Frauen manchmal unvermeidbar und Teil des Lebens gesunder Frauen sind. Auch zeitweise leichte Harnverluste nach dem Toilettengang gehören in diese Kategorie. In einer Studie konnte gezeigt werden, dass Inkontinenz beim Sport kein besonderes Risiko für eine behandlungsbedürftige Inkontinenz im späteren Leben darstellt. Leichtere Inkontinenz stellt also bei der Frau nicht immer einen Krankheitswert dar und dürfte als normal bezeichnet werden. Ein regelmäßiges Beckenbodentraining kann trotzdem sehr wirksam auch spätere Probleme mit Inkontinenz vorbeugen.



Den Arzt aufsuchen: welcher Arzt hilft weiter?


Wann ist eine Inkontinenz behandlungsbedürftig? Dies kann wirklich nur ein Arzt entscheiden, nachdem er eine erste Diagnostik gemacht hat. Daher macht es in jedem Fall Sinn, einen Arzt aufzusuchen. Bereits der Hausarzt kann hier aber schon weiter helfen und die Patientin an den geeigneten Facharzt, entweder den Uro-Gynäkologen oder einen Urologen, weiterverweisen.



Frauen haben seltener andere Inkontinenzformen


Wenn aufgrund der körperlichen Gegebenheiten Frauen auch öfter unter Inkontinenz leiden, so gilt dies nicht für Inkontinenzformen mit nicht frauentypischer Ursache. Diese anderen Inkontinenzformen kommen dagegen beim weiblichen Geschlecht eher selten vor, erfordern aber in der Regel komplexere Behandlungsmethoden:



Selten: Extraurethrale Inkontinenz, Urinfisteln, Giggle-Inkontinenz


Im gynäkologischem Bereich ist hier in erster Linie die extraurethrale Inkontinenz zu nennen, die vorrangig auf die Existenz von Urinfisteln (vesikovaginale Fisteln) zurückgeht. Ihre chirurgische Therapie ist eine Herausforderung und erfordert eine besonders gewissenhafte präoperative Diagnostik und Planung der Operation. Eine weitere eher seltene Inkontinenzform, die bevorzugt bei jungen Mädchen und Frauen vorkommt, ist die sogenannte Giggle-Inkontinenz, welche auch als Kicher- oder Lachinkontinenz ( Enuresis risoria) bekannt ist. Diese Inkontinenzart stellt eine Sonderform der Dranginkontinenz dar und wird durch kräftiges Lachen ausgelöst.

 

Beachten Sie bitte in diesem Zusammenhang, dass eine genaue Diagnose bzw. das Einleiten erfolgreicher Therapiemaßnahmen nur durch einen entsprechenden Facharzt vorgenommen werden kann!


Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Harninkontinenz Heft 39, Herausgeber: Robert Koch Institut 2007 (Statistisches Bundesamt)


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