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 Zahlen und Fakten: Wen betrifft das Thema Inkontinenz im Alter?
Inkontinenz oder Probleme beim Wasserlassen können jeden treffen, weil sich Alterungsprozesse auf alle Organe auswirken können.
Das bedeutet, dass nahezu jeder dritte heute in einem Land der westlichen Welt lebende Mensch damit rechnen muss, jenseits des 70. Lebensjahres inkontinent zu werden; mit einer ernsthaften bzw. belastenden Inkontinenz muss zumindest jede oder jeder fünfte bis sechste rechnen.
Frauen häufiger betroffen
Frauen sind allerdings von Inkontinenz „ungefähr zwei- bis viermal so häufig betroffen", wobei dieser Unterschied mit zunehmendem Alter immer geringer wird. Männer holen im höheren Lebensalter in der Statistik auf.
Urologische Funktionseinbußen
1. Erschwertes Wasserlassen und verminderte Blasenkapazität
Bevor eine Inkontinenz wirklich manifest wird, fallen erste Problemen beim Wasserlassen unangenehm auf. Der Harnstrahl ist nicht mehr kräftig, die Blase fühlt sich nicht vollständig entleert an. Mit zunehmendem Alter nimmt auch die Blasenkapazität ab und die nächtlichen Ruhestörungen, weil die Blase zur Toilette drängt, werden häufiger, ohne dass eine spezielle Erkrankung vorliegt. Allgemein stehen die Symptome einer Drang-Inkontinenz im Vordergrund.
Damit die Blase restharnfrei entleert werden kann, kommt es häufig vor, dass der ältere Mensch nur in Raten Wasser lassen kann. Besonders am Morgen muss er dafür immer wieder Pausen einlegen, entweder auf der Toilette länger verbleiben oder in kurzen Abständen zurückkehren.
Männer leiden häufig unter einer Harnstrahlabschwächung. Sie benötigen lange, bis die Miktion beginnen kann und dann unterbricht der Harnstrahl immer wieder. Dann kommt es immer wieder zu einem Harnnachträufeln, bei dem bereits kleine Mengen Harn in die Hose gelangen können, ohne dass der Mann es kontrollieren kann.
2. Reflexe, Umweltreize und ungewollte Detrusorkontraktionen
Ungewollte Blasenkontraktionen
Ungewollte Blasenkontraktionen (Detrusorkontraktionen) sind bei fast allen Älteren feststellbar. Die Steuerung von Blase und Schließmuskel wird empfindlicher und anfälliger für Außenreize, weil das parasympathische, also willentlich nicht beeinflussbare Nervensystem stärker reagiert. Der Grund sind vermehrte Reflexe, die bei jüngeren Menschen kaum eine Rolle spielen. So können kalte Füße, oder Reize wie das Rauschen einer Toilettenspülung schon zu Harndrang führen. Manchmal reicht es schon, ein Eis zu essen oder zu kalte Getränke zu trinken, dass die Blase zu Fehlkontraktionen neigt und Harn abgeht. Nicht immer hat eine solche Harninkontinenz auch Krankheitswert.
Dysurie und Blasensteuerung
Das Zusammenspiel von Blase, Blasenmuskulatur und dem dazugehörenden Schließsystem kann durch das Nervensystem gestört sein: Verstärkte Reflexe ausgehend vom autonomen Nervensystem sind im höheren Alter normal und können die Blase zu unangemessener Zeit anregen.
Medikamente
Die Einnahme von bestimmten Medikamenten, Stress oder psychische Belastungen können Auswirkungen auf das autonome Nervensystem haben. Weniger Trinken und körperliche Abwehrschwäche können eine weitere Mitursache für unpassende Blasenreize sein.
Trinken ist nötig
Mit zunehmendem Alter nimmt auch das Durstgefühl wahrscheinlich hormonell bedingt ab. Zusätzlich neigen Betroffene dazu, weniger zu trinken, um häufiges Wasserlassen zu vermeiden. Wasser ist aber äußerst wichtig für das Funktionieren und das reibungslose Zusammenspiel der Nerven. Es sorgt dafür, dass Nährstoffe, besonders die sogenannten Elektrolyte, in die vielen Millionen Zellen gelangen können.
Erst gut versorgt mit Wasser und Elektrolyten können die Zellen ihre Arbeit tun. Dies gilt auch für die Zellen des Nervensystems und des Gehirns. Da Harnspeicherung und Miktion (Wasserlassen) von verschiedenen Zentren des Nervensystems aus vorwiegend autonom gesteuert werden, kann sich ein Wassermangel gerade hier besonders auswirken.
Organische Funktionseinbußen
1. Der Beckenboden: Schließmuskelschwäche
Der Schließmuskel, der autonom, also ohne bewusstes Dazutun, die Blase vollständig abdichtet, kann den Druck nicht mehr aufbauen, um eine voller werdende Blase noch dicht zu halten. Symptome einer Belastungsinkontinenz treten auf. Dies betrifft bereits Frauen in jüngeren Jahren und ältere Frauen.
Beckenbodenschwäche
Blasen- und Beckenbodenmuskulatur altern mit allen anderen Organen mit. Muskelzellen degenerieren, werden schwächer und reagieren nicht mehr gleich schnell und gleich präzise, wie in jungen Jahren. Davon ist besonders der Beckenboden betroffen. Der Beckenboden ist aber mehr als eine einfache muskuläre Platte am unteren Ende des Oberkörpers. Der Beckenboden trägt auch zur Steuerung der Harnspeicherung bei, indem er stärker anspannt, wenn die Blase sich füllt und indem er Reize aussendet, die Informationen über den Füllungszustand der Blase weitergeben.
Die Harnröhre wird kürzer
Risiko bei Frauen: Funktionelle Harnröhrenlänge - die Harnröhre der Frau wird im Alter kürzer, doch gleichzeitig wird der Gegendruck schwächer, den die Harnröhre aufbringt um „dicht" zu halten. Eine Belastungsinkontinenz kann die Folge sein.
Stuhlinkontinenz
Beim Mann führt eine Muskelschwäche des Beckenbodens eher zu einer Stuhlinkontinenz. Sehr viel seltener kommt es zu einer Schließmuskelschwäche der Harnröhre. Außerdem ist der Beckenboden des Mannes grundsätzlich stärker als bei der Frau und unterliegt nicht denselben Belastungen wie der Beckenboden der Frau.
2. Die Blase
Auch die Blase - ein sogenannter Hohlmuskel - unterliegt der Alterung. Schon das ganze Leben lang muss die Blase mit großer Flexibilität „für den Menschen sorgen", ohne dass dieser sich der enormen Leistungen seiner Blase bewusst wäre. Dehnen, Zusammenziehen, Dehnen ..... diese Leistung findet 6- bis 8-mal täglich statt. Oft halten wir eine volle Blase aus, weil uns gerade nicht danach zumute ist zur Toilette zu gehen. Dabei dehnen sich die Muskelfasern stark aus und überlasten sich.
Überlastung der Blasenmuskulatur: Detrusorschwäche
Bindegewebsschwäche und hormonelle Einflüsse spielen eine weitere Rolle bei der Überlastung der Blasenmuskulatur. Bei Männern können Prostatavergrößerung (Prostatahyperplasie) sowie andere Abflussstörungen oder Verengungen der Harnröhre zu einer Überdehnung der Blase führen. Die Folgen daraus sind:
Reizblase bis Dranginkontinenz
Bei einer Reizblase liegt eine Überaktivität der Blase bzw. des Detrusormuskel (myogene Detrusoraktivität) vor. Häufig sind die Muskelfasern überdehnt oder durch Blasenentzündungen überreizt und erhalten „falsche Reize" in Form von elektrischen Kurzschlussverbindungen durch das Nervensystem. Daraus folgen häufige, ungewollte Blasenkontraktionen, die zu einem Kontrollverlust über die Blase führen können. Die Reizblase führt zunächst vor allem zu häufigem Harndrang und zu ungewolltem Harnverlust und Inkontinenz. Wir sprechen dann von einer Dranginkontinenz.
Restharnbildung
Alterung und Überdehnung der Blase verhindern gleichzeitig, dass sich die Blase ausreichend zusammenzieht. Die Blase kann den Harn nicht mehr vollständig und selbstständig „auspressen", eine Detrusorschwäche liegt vor. Es verbleibt ein Restharn in der Blase. Bei betagten Menschen ist ein Restharn von 30 - 50 ml als normal anzusehen. Je weniger Harn abfließen kann, desto stärker wird die Blase ständig gedehnt und überdehnt.
Intermittierender Selbstkatheterismus
Eine ständig überdehnte Blase kann dazu führen, dass der Harn kaum noch selbstständig ausgepresst werden kann. Die Blase kann dann nur noch durch Einsatz des „intermittierenden Selbstkatheterismus" regelmäßig entleert werden. Wenn es so weit ist, hilft auch ein Beckenbodentraining nicht mehr. Ein Harnstau kann sich bis auf die Niere erstrecken und so das sehr empfindliche Nierengewebe schädigen.
Blasenentzündungen
Frauen sind schon im jüngeren Alter anfälliger für Blasenentzündungen als Männer, weil ihre Harnröhre kürzer ist. Im späteren Alter können auch Männer verstärkt von Blasenentzündungen betroffen sein, wenn sie durch Harnabflussstörungen dazu neigen, dass sich ihre Blase nicht mehr vollständig entleeren kann. Daher ist das "Durchspülen" der Blase, also regelmäßig hinreichend Wasser trinken, für beide Geschlechter von großer Bedeutung. Der über den Harntrakt ausgeschiedene Harn sorgt dafür, dass Keime aus dem Harntrakt ausgespült werden und sich erst gar nicht in der Blase einnisten können. Auch deshalb ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr wichtig.
Beachten Sie bitte in diesem Zusammenhang, dass eine genaue Diagnose bzw. das Einleiten erfolgreicher Therapiemaßnahmen nur durch einen entsprechenden Facharzt vorgenommen werden kann!
Quellen:
- Robert Koch Institut - Statistisches Bundesamt, Heft 39; Harninkontinenz. Gesundheitsbericht des Bundes 2007.
- Deutsche Inkontinenz Gesellschaft e.V., Band 9. Bamberger Gespräche 2005: Der ältere Patient mit Blasenfunktionsstörungen - sinnvolle Diagnostik und Therapie in der Praxis
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